Das häufigste Thema, mit dem Frauen zu mir kommen, ist der Orgasmus. Oder besser gesagt: der ausbleibende Orgasmus. Der fehlende Höhepunkt beeinflusst bei vielen oft die Partnerschaft und prägt die vorhandene Sexualität eher auf negative Art und Weise. Oft frage ich dann, ob sie ihre Sexualität dennoch genießen können.
Von einigen höre ich dann so etwas: „Ich habe weder Orgasmen – noch eine erfüllte Sexualität. Ich weiß, da muss es irgendwie noch mehr geben, aber mein Partner will es nicht mit mir erforschen.“
Viele andere wiederum sagen mir: „Eigentlich bin ich zufrieden – aber ich würde gerne erleben, wovon meine Freundinnen erzählen. Oder was ich in Filmen sehe.“ Oder: „Mein Partner würde sich darüber freuen – seine früheren Partnerinnen hatten dieses Problem nie. Er sagt zwar, es stört ihn nicht, aber …“ Oder auch: „Vielleicht hatte ich schon einen Orgasmus, aber er war nicht so intensiv.“ Oder: „Ich komme so nah dran, aber das letzte Stück schaffe ich nicht.“
Viele Frauen glauben dann, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Manche bleiben zeitlebens in diesem Gedanken stecken, andere suchen ständig nach etwas oder jemandem, der dieses „Problem“ beheben oder reparieren kann.
Ich will wieder funktionieren
So wie unsere Gesellschaft uns vorgibt, funktional und effektiv zu sein, so gestalten wir oft unbewusst unser Leben. Für den Alltag mag das funktionieren, aber in der Sexualität sind diese Vorgaben fehl am Platz. Funktionieren. Leisten. Anpassen. Performen. Ziel. Druck … – das sind nur ein paar Worte, die unseren Sex beschreiben. Und genau deshalb fehlen dort oft Erfüllung und Genuss.
Von der Leistung zur Lust
Sexualität ist eigentlich etwas ganz Natürliches – und doch ist sie für viele zu etwas Kompliziertem geworden. Wir lassen uns keine Zeit, haben (bewusst oder unbewusst) Druck, wir „machen Sex“, lassen es über uns geschehen, tun es für jemanden, wollen unbedingt zum Orgasmus, suchen Abwechslung im Außen, sind oft im Kopf, vergleichen uns mit anderen und haben kaum eine Verbindung zu unserem eigenen Körper – geschweige denn zu unseren Geschlechtsorganen.
Diese zielorientierte, eher „feurig-männlich“ geprägte Sexualität macht es Frauen oft schwer, sich hinzugeben – oder überhaupt in die Lust zu kommen. Viele Frauen spüren sich selbst nicht mehr. Nicht in ihren Yonis, nicht in ihren Brüsten, nicht in ihrem Körper. Wenn alles schnell und feurig passiert, hat unser meist verspannter Körper keine Zeit, überhaupt etwas zu empfinden. Das führt dazu, dass wir mit noch mehr Spannung, noch mehr Druck arbeiten – in der Hoffnung, doch etwas zu spüren.
Was passiert also, wenn Frauen zu mir kommen?
Zeit – passiert. Der weibliche Körper kommt in der Regel auf eine andere Art in die Lust als ein männlicher Körper. Der weibliche Körper braucht viel mehr Zeit – zumindest, wenn wir nicht gerade verliebt sind. Die weibliche Sexualität entsteht aus Kühle, Langsamkeit und Entspannung – ohne Druck, etwas leisten zu müssen.
Der Körper wird langsam darauf vorbereitet, sich zu öffnen, Energie zu empfangen und aufsteigen zu lassen. Er wird behutsam eingeladen, sich als ein lustvolles Ganzes wahrzunehmen – und nicht nur als eine begrenzte Stelle, die funktionieren soll (z. B. die Klitoris, die oft überreizt wird).
Das heißt nicht, dass Lust sich dann automatisch stark oder „spitz“ anfühlen muss. Erregung aus der Kühle ist langsamer, feiner – und fühlt sich oft neu an. Ohne Druck, ohne Anspannung.
Durch Langsamkeit und Zeit fühlen wir den ganzen Körper viel intensiver. Lust – oder einfach ein sattes, gutes Gefühl – breitet sich im Körper aus. Nicht nur an einem Punkt. Oft entstehen diese Empfindungen spontan und wirken runder und ruhiger – aber nicht weniger intensiv.
Wenn wir aufhören, etwas erreichen zu wollen
Wenn wir es schaffen, unsere Vorstellungen davon, wie Sex sein „muss“, loszulassen – und auch die ständigen Vergleiche mit anderen – dann kann sich eine neue, ganz eigene Sexualität zeigen. Eine, die nicht auf Knopfdruck funktioniert und ohne ständig auf etwas zuzusteuern. Eine, die spontan, kreativ und fließend ist. Eine, bei der wir es nicht machen, wie wir „sollen“, sondern so, wie wir es „wollen“. Oder besser gesagt: wie es der Flow in uns will.
Jeder empfindet die Lust anders, weil wir alle einzigartig und verschieden sind. Und da wir Frauen rhythmische Wesen sind, die jeden Tag anders sind, ist es nicht sinnvoll, uns nur in eine Art von Orgasmus „zwingen“ oder jemandem etwas vorzuspielen, nur um zu entsprechen. Gerade weil wir die Möglichkeit haben, uns leichter mit dieser femininen Art von Sexualität und ihren Feinheiten zu verbinden, sollten wir uns glücklich schätzen, es genießen und wertschätzen. Denn diese Vielfalt an unterschiedlichen orgastischen Momenten, in denen die Energie nicht von uns wegfließt – wie meist bei den Männern – und uns müde oder gereizt hinterlässt, sondern uns zufließt und in uns bleibt, ist für unseren Körper ein sehr großer Gewinn.
In der Entspannung gibt es ganz neue Wege, sich und seine Lust zu entdecken. Wenn Frauen aus der Entspannung starten, kann sich ein Gefühl von Verwurzelung einstellen, das aus dem Becken durch den ganzen Körper fließt. Manche Frauen erleben einen weiten, offenen Raum in ihrer Yoni, in dem sie sich gleichzeitig ruhend als auch zutiefst kraftvoll fühlen. Lust beschränkt sich nicht auf die Klitoris oder einen kleinen Punkt, sondern strömt und vibriert durch den ganzen Körper und belebt diesen. Gleichzeitig kann sich auch das Herz öffnen und sich emotionale Berührtheit zeigen.
Wenn sich diese Empfindungen einstellen, dann ist es plötzlich weniger wichtig, ob ich einen herkömmlichen Orgasmus erlebe oder nicht. Denn dann fühle ich mich auch nach einem Sex ohne den klassischen Höhepunkt schön, glücklich, zufrieden, lustvoll, satt und erfüllt. Sex wird dann mehr zum „Liebe machen“. Eine Liebe, die weniger mit dem Fokus auf den Partner zu tun hat, als mit einem Gefühl, das tief aus einem selbst kommt.
Weibliche Sexualität neu begreifen
So möchte ich dich wirklich einladen, nicht mehr im Außen zu suchen und dich nach anderen zu orientieren, sondern den „fehlenden“ Orgasmus auch als eine Möglichkeit zu sehen, innezuhalten und deine eigene Sexualität ohne Zwang zu erforschen. Das braucht Mut, Neugier und etwas „Anfängergeist“, um sich auf etwas einzulassen, das man selbst vielleicht noch gar nicht kennt. Unser Körper hat die Magie, uns den Weg in dieses unbekannte Mysterium zu weisen. Wir müssen nur lernen, auf ihn zu hören.
Geduld & Zeit
Da alte Muster tief in uns verankert sind -> Lass dir Zeit und sei geduldig mit dir und deiner Sexualität. Wir müssen erst lernen, wie es sich anfühlt, wenn nichts erreicht werden muss – sondern einfach sein darf. Weil die weibliche Sexualität oft im Hintergrund steht und wir uns sehr an der männlich geprägten orientiert haben, braucht es etwas Zeit, Geduld und Ausdauer, um dranzubleiben. Alte Muster ablegen und neue Spielformen der Sexualität erforschen. Es ist eine Reise ohne Plan. Wir müssen lernen, uns auf uns selbst und jeden neuen Moment einzulassen. Dann können wir herausfinden, wie unsere ureigene Sexualität aussieht.
Erst wenn wir beide Pole kennen, kann sich eine Balance einstellen
Letztlich können wir eine Balance zwischen dem Feurigen und dem Kühleren, dem Liebevollen und dem Leidenschaftlichen, zwischen Orgasmus und Genuss finden.
Doch damit wir diese Balance finden können, müssen wir diese Pole in uns selbst kennenlernen. Eine erfüllte Sexualität fängt bei uns selbst an. Wir müssen sie in uns entdecken und mit uns erleben. Uns in ihr erleben. Wir können uns tiefer kennenlernen und herausfinden, was wir brauchen. Was wir brauchen, finden wir tief in uns, wenn wir uns auf uns selbst einlassen – nicht in Büchern, Ratgebern, im Fernsehen oder im Vergleich mit den Sexgeschichten unserer besten Freundinnen.
Wenn ich mich selbst kenne, kann ich meinen Partner dann besser auf die Reise mitnehmen.
Die Dagara – ein Volk aus Westafrika – übersetzen in ihrer Sprache das Wort Sex mit folgender Umschreibung:
„Miteinander auf eine Reise gehen – ohne dass man vorher genau weiß wohin.“
Und dabei will ich Dich gern unterstützen.
Stay tuned für meinen Workshop im nächsten Jahr
Ich bereite gerade einen Workshop genau zu diesem Thema vor. Die Workshop-Seite kannst Du schon aufrufen. Genauere Infos findest Du dann dort im Herbst. Ich würde mich freuen, wenn Du dabei bist.
